30. Oktober 2019

Träumende in der Menge

André Uhlig in seinem Atelier.
Es ist mittlerweile zu einer schönen Tradition geworden: Radebeuler Künstler*innen gestalten das Etikett der Weinsonderedition, mit deren Verkauf auch das diesjährige XXIV. Wandertheaterfestival im Rahmen des 29. Weinfestes unterstützt wurde.

Der diesjährige Künstler ist mit dem Weinfest groß geworden. André Uhlig, 1973 in Dresden geboren, verbrachte fast sein ganzes Leben in Radebeul, der Weinstadt an der Elbe. Am Fluss aufgewachsen, sprechen seine Werke von verborgenen Orten, empfundener Landschaft und Sehnsucht. Für das Etikett tauschte er die Radiernadel gegen Papier und Pinsel. Denn ein Etikett unterscheide sich in seiner grafischen Schlichtheit von anderen künstlerischen Arbeiten, sagt der Künstler.



Das Original der Weinsonderedition 2019. 
„JugendTräume“, das Festivalmotto wortwörtlich nehmend, strahlen blau-graue Augen aus einem anmutigen Frauengesicht, das von wallendem rot-blondem Haar umrahmt ist. Der sinnliche rote Mund deutet ein verschmitztes Lächeln an. „Erzähl mir von dir!“, scheint dieser Blick zu fordern. Ein Gesicht – direkt - aus dem Jugend strahlt. In ihrem vollen Haar ein Weinblatt und die Radebeuler Wahrzeichen, das Motto in schwungvoller Jugendstilschrift unterstreicht ihr Gesicht, Weinranken bilden den all umschließenden Rahmen.

Jugendstil - JungendTräume. Die Wortverwandtschaft mag Zufall sein, dennoch, die Faszination für Jugendstil des Künstlers richtet sich an seine sonderbare Verbindung von klaren Linien, die sich mit vergänglichen Formen verbinden. Geschwungene Formen, die einen Körper nachempfinden. „Es ist modern, aber auch irgendwie nicht“, erzählt mir André und fügt hinzu, „Und sie haben schöne Frauen gemalt, Anfang des Jahrhunderts.“ Ein weiterer inspirativer Impuls waren die Zeichnungen von Werner Klemke. Auch er steht für klare Linien, Formen und grafische Einfachheit.

Ob das Gesicht ihn an eine bestimmte Frau erinnert, möchte ich wissen. Er verneint, es sei eine symbolische Liebe, die ihn mit allen Frauen verbindet. „Sie sind wunderbare Geschöpfe“, sagt er. Gemalt hat er sie auf Papier mit dünnem Acryl vermischt mit Kaffeesud. Hätte er sie auf einen Kaffee eingeladen, wenn er sie gekannt hätte?

Das Motto schwankt zwischen Träumen, verpassten Chancen, die wir vielleicht bereuen und Hoffnungen. Eine heterogene Mischung von Gefühlen und Wahrnehmung, die den Blick in die Vergangenheit richten, um noch einmal gedanklich zu durchleben, was geschehen ist. Die Erinnerungen als treibende Kraft, die bis in die Gegenwart hineinwirken und möglicherweise das eigene Handeln nachhaltig beeinflussen könnten. André Uhligs blonde Schönheit stellt all‘ diese Fragen mit ihren Augen. Es wirft die Frage auf, warum er nur das Gesicht und nicht einen ganzen Körper gezeichnet hat.



André Uhlig am Arbeitsplatz.
Die Antwort ist kurz, aber vielschichtig: „Das Gesicht ist die Essenz.“ Es beschreibt das Wesen der jungen Frau, ihr direkter Blick soll auffallen. Ein Blick, der die Monotonie des Alltags in der Masse unterbricht und vielleicht den Anfang einer Geschichte, oder das Ende ermöglicht. „Und wer kennt diese magischen Momente nicht, wenn in der Menge sich zwei Augen treffen, nur für Sekunden und unbewusst kommunizieren?“ Wer weiß, was für Geschichten sie erzählen könnten. Vielleicht hätte dieser Moment die Weichen neu stellen können. Zu kurz war er, der Mut fehlte, oder die Gelegenheit - „vorbei, verweht, nie wieder“ - Hier findet sich die Wehmut und Vergänglichkeit des Augenblicks wieder. Die Flüchtigkeit des Moments, die der Künstler in seinen Arbeiten auf Atmosphärische Weise einfängt. „Während wir reden muss ich an das Gedicht von Kurt Tucholsky denken: »Augen in der Großstadt«.“
„Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, 
die Braue, Pupillen, die Lider – 
Was war das? Vielleicht dein Lebensglück… 
vorbei, verweht, nie wieder.“

Radebeul ist keine Metropole, das Wein- und Theaterfestival jedoch ein künstlerischer Pool, der die Menschen zusammenbringt. „In seiner Gemütlichkeit wogen die Menschen hin und her zwischen Wein, Tanz und Theater.“

Aufgeschrieben von Sara Plekat.

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