29. Oktober 2014

Über dem Düsteren die Rose

Ein Gespräch mit Markus Retzlaff 
von Christine Ruby

Markus Retzlaff in seinem Atelier „Oberlicht“ in Altkötzschenbroda. Foto: André Wirsig

Atelier Oberlicht  aber das klingt schon mal gut. Dort wird es nach Druckfarbe riechen, nach Terpentin und Papier. Ist auch so. Markus Retzlaffs Werkstatt ist gut gefüllt mit Werkzeug, Farben, Tischen und Pressen, es gibt viel Platz, sogar für Tisch und Sessel. Hier passen einige Menschen hinein  aber dazu später.

Der Verein wollte von ihm ein Weinetikett bekommen, zum schwierigen Thema Shakespeare. So etwas habe ich vorher nie gemacht, sagt Retzlaff. Das war spannend bis zum letzten Tag. Er spürt die Verantwortung, schließlich soll die Flasche so edel werden wie der Wein.
Man kann ja viel von Shakespeare lesen oder auf der Bühne sehen, und dazu hat ihn ein Schauspieler-Freund, des Öfteren genötigt. Aber wie er aussah, der geniale Dichter, wer er wirklich war, das weiß ja keiner! Also nachgeschaut in Lexika, in Texten über ihn. Doch je mehr man suchen geht auf dieser verwischten Fährte, desto weniger ist zu finden. Dafür gibt es viele Theorien: Er sei ein Synonym für mehrere Personen, ein Ungebildeter, ein Adliger, eine Frau. Schwer zu glauben.


Die Druckplatte für das Künstleretikett der Weinsonderedition 2014.
Die Druckplatte für das Künstleretikett.
Markus Retzlaff hält sich an eine kleine, gediegene Abbildung, eine, die immer wieder herhalten muss, wenn wir uns Shakespeare vorstellen sollen. Und Hamlet. Wer weiß, wie viel der Meister von seiner Person in ihn hineingeschrieben hat? Das zumindest ist denkbar. Also dürfen die Attribute Schwert, Becher, Totenkopf auf die Platte. Denn eine Aquatinta-Radierung soll es werden, mit graduellen Graustufen, schön geheimnisvoll, nicht so klar umrissen wie eine Kaltnadel oder die artige Ätzradierung. Entsteht so eine Arbeit, gleicht die Gegend um die Druckerpresse zu einer kleinen, kreativen Hexenküche. Pulver streuen, ätzen, kratzen, polieren, wischen, immer wieder. Nur wer darin Erfahrung hat, kann das Ergebnis vorahnen. Markus Retzlaff hat darin Erfahrung. Immer wieder zieht es ihn zur Grafik, vorzugsweise zur mehrfarbigen, die besonders viel Vorausschau erfordert. Ton um Ton muss aufs Papier, bis alles drin und alles drauf ist. Das ist nichts für schnelle Leute.

Retzlaff in seinem Atelier Oberlicht.
Retzlaff in seinem Atelier Oberlicht.
Wenn der Neu-Radebeuler (seit 2007 lebt er ganz hier) etwas gelernt hat, dann ist es Gelassenheit. Ein großes Atelier zu unterhalten, nie den Faden im geistigen Gewebe zu verlieren und mit aller Geschicklichkeit das auszuführen, was die Absicht war, dazu braucht man viel Geduld. Manchmal nutzt der seinen Arbeitsraum allein, manchmal teilt er ihn mit anderen. Große Räume sind gut für den freien Geist, doch man muss ihn auch unterhalten können. An Kunst wird oft gespart, wenn es knapp wird im Portemonnaie.

Doch wie ein besseres Beispiel zu geben, hat sich ein stabiler Freundeskreis um das Atelier Oberlicht gebildet. Interessante Menschen verschiedenster Berufe, die sich jederzeit über den Newsletter freuen, den Vortrag über das alte Dresden besuchen und sehnsüchtig auf das jährliche Freundestreffen warten, zu dem es wieder eine neue Grafik für die Mitglieder gibt.
Zurück zur Flasche. Die Vorderseite assoziiert eine ziemlich düstere Stimmung, Endzeit eines Lebens, Unklarheit, was wohl im Becher ist  Wein oder Gift? Das Schwert zur verzweifelten Verteidigung liegt ruhig daneben. Und das Antlitz des Meisters mit etwas verhangenem Blick. Wenn man diese Flasche öffnet, wird man erinnert an die Vergänglichkeit. Aber nicht alles ist Tod und Leid, denn obenauf, über dem Verschluss schwebt eine Rose, unbeirrt von allem anderen. „Sonst würde es ja gar zu düster, sinniert Retzlaff.

Und nun ist endlich Zeit, den Wein zu kosten.
Und nun ist endlich Zeit, den Wein zu kosten.
Jetzt ist es klar, das Etikett ist akzeptiert, abgenommen vom Vereinsvorstand, was riskant erschien: der Totenschädel … Und nun ist endlich Zeit, den Wein zu kosten. Woran muss er denken beim ersten, zweiten Schluck? An weites, offenes Land, an Oskar Zwintscher, Wandern, leichten Sommerwind. Wenn das nichts ist, Winzer Matyas. Zum Wohl muss man da nicht mehr sagen.

Markus Retzlaff wird am Sonntag, dem 02. November 2014ab 14 Uhr eine Stunde lang am Stand des Fördervereins beim Radebeuler Grafikmarkt die Etiketten der gekauften Flaschen der Weinsonderedition signieren.

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