14. August 2012

Mit der Lupe gefunden

Im Atelier von Horst Hille, 
dem Maler unseres diesjährigen Vereinsweins 

Wir kennen uns noch nicht, Horst Hille und ich. So geht ein beiderseitiges Beäugen dem Gespräch voraus. Ich erinnere mich an seine Arbeiten in der Galerie, alle kleinformatig, mit sanften, rundlichen Formen, Publikumsrenner ab den 80er Jahren. Für jeden bezahlbar, werden sie schnell zum Schmuck auch kleiner Räume, sogar in Brieftaschen habe ich sie schon gesehen. Kupferstich ‑ wer macht das heute noch?


Sie verlangt viel Geduld, sichere Hände und gute Augen, diese strenge Technik. Nicht nur, weil die Druckplatte ein bisschen spiegelt oder den Stichel zu führen keine Wackelei verträgt; auch das Umdenken zwischen den Dimensionen will geübt sein. Von Naturgröße zu Miniaturformat ist es vor allem ein Gedankenweg. Und gerade das ist der besondere Reiz, in ein solch kleines Bild ‑ gestochen oder gemalt ‑ quasi hineinzusteigen, was Kunstliebhaber so fasziniert.  Es reicht doch völlig - man kann alles sehen, kommentiert der Künstler.
 
Hilles gemalte Biografie.
Wirklich alles aus seinem Leben offenbart sich, steht man mit ihm vor seinem großen Bild, einem opus magnum, einer Lebens- und Landschaftsgeschichte auf etwa einem halben Quadratmeter Fläche. So etwas habe ich zuletzt bei Werner Tübke gesehen, nur viel größer. Hilles Figuren sind winzig, dabei so ausdrucksvoll und charakteristisch, dass Zeit und Umstände deutlich werden. Liebevoll in die Landschaft und in Beziehung zu einem bestimmten Stück Architektur gestellt, erzählen sie, worüber man auch viele Worte machen könnte.

Bei seinem Geburtshaus in Aussig fängt alles an: Man sieht es in seiner heutigen Gestalt, restauriert und von einer tschechischen Institution genutzt. Hille freut sich: 
Ist es nicht schön geworden? Das sah schon mal grauer aus! Nur für die Menschen auf dem Bild, die gerade von dort vertrieben werden, wird es erst einmal mehr als grau. Sie müssen zuerst in Lastkähne auf der Elbe steigen, später in einen Zug, Heimat ade. Und schon ist der Betrachter mitten drin im Leben eines anderen, einem, der Grund zur Klage hätte und doch nicht klagt. Der schon als Kind viel Leid ertragen musste, aber kein Drama daraus macht. Alle seine wichtigen Lebensstationen hat er in seinem Bild gewürdigt, von unten nach oben in einer Schlangenbewegung sind sie alle miteinander verbunden.

Ein russischer Panzer, die Scheinwerfer zur Fliegerabwehr, die Mutter mit ihren Kindern bei der Feldarbeit, auch die zerstörte Frauenkirche – alles genau zu erkennen. Dann ein Friedhof, die Ostsee und Rügen mit Kap Arkona. Erinnerungen an Jahre im Norden, an den Tod der Mutter. Darüber: eine sozialistische Großbaustelle, die mich an das Radebeuler Waldstraßenviertel denken lässt. Allerdings bauten damals die Maurer noch Stein auf Stein, und einer davon ist Horst Hille, weil es gerade dort eine Lehrstelle gab.
Der Künstler im Atelier.

Vielleicht musste das alles einmal gemalt werden, weil es schon so weit weg gerückt ist? Wie viel Weisheit Horst Hille sich in einem arbeitsreichen Leben teuer erkauft hat, sieht man hier ‑ und sonst nur tief in seinen Augen.

Schließlich landet der Blick ganz oben im Bild, dort wohnt scheinbar die Beschaulichkeit. Ein zufriedener Mensch mit seiner Braut, wie er sie seit 40 Jahren nennt, Arbeitsstuhl und Druckerpresse sind dabei, umrahmt von dem Radebeuler Haus auf der Kottenleite, Blick auf einen Weinberg. Neunmal habe ich sein Gesicht zwischen all den Zeitgegenständen gefunden, immer ein anders: kleines Kind, großer Junge, Lehrling, Künstler, Liebhaber, Handwerker auf dem eigenen Hof.

Dort ist er auch am liebsten. Kleine Ausflüge genügen ihm: „Mich interessiert nur mein näheres Umfeld, so von der Gohliser Windmühle bis Naundorf, das schau ich mir gern an. Urlaub, wozu?“

Über der Plauderei ist es nahezu dunkel geworden. Das letzte bisschen Sonne sammelt sich auf seinem Lebensbild. Jetzt kennen wir uns ein bisschen besser. 

Der Künstler auf dem Künstleretikett.

Die Idee zum Etikett der neuen Weinedition lag für ihn nahe. „Altkötzschenbroda hat für mich sehr viel mit Theater zu tun, mit Schau-stellern, Tänzern, Musikern. Ich mag es, wenn auf dem Platz vor der Friedenskirche der Frohsinn zuschlägt. So munter und vielgestaltig wie nur möglich. Da kann auch der Tod im Reigen mittanzen, das ist nicht traurig!“

Zum Schluss zeigt er noch ein paar Mappen mit Drucken, Kupferplatten und das kleine Werkzeug, das so schwer zu handhaben ist. Tief und hintergründig sind seine Miniaturen, doch die Linien sind kaum noch zu erkennen. Beim nächsten Grafikmarkt in Radebeul ist wieder Gelegenheit, Horst Hille und seinen Kleinodien zu begegnen.

Christine Ruby

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