18. September 2011

Im Gespräch mit Werner Wittig

Lieber Herr Wittig, Sie waren so freundlich, unseren Verein zu unterstützen, indem Sie das Etikett zum Bacchus 2010 für unsere diesjährige Weinsonderedition gearbeitet haben. Ein Holzriss, gedruckt in Schwarz, auf dem wir ein gutes Stück Radebeul finden: Weinglas mit Rebe vor dörflichen Häusern. Die Technik des Holzrisses haben Sie weitgehend entwickelt, Sie sind dafür bekannt geworden. Ihre Blätter ‑ und auch die gemalten Bilder – strahlen meist eine große Ruhe aus. Das ist es, was Menschen ganz besonders an Ihren Arbeiten lieben. Hat das etwas mit Ihrem Wohnort Radebeul zu tun?
Das hat eher etwas mit meinem Arbeitsstil zu tun. Ich mag es, mit meinen Werkzeugen feine Schraffuren ins Holz zu bringen, die beim Drucken eine weiche Tönung erlauben, ähnlich der Aquatinta. Das hat nicht unbedingt etwas mit Ruhe, sondern mit Stille zu tun.

Künstler, die sagen, sie hätten keine Vorbilder, flunkern oft. Hatten Sie Vorbilder?
Als junger Chemnitzer, der sich anschickte, in Dresden Grafik zu studieren, wollte ich am liebsten so arbeiten wie Schmidt-Rottluff. Die starke Farbigkeit, die konsequenten Formen haben mich fasziniert. Ich hab es probiert – aber es war nicht meins. Keiner kann etwas machen, nur weil er es will! Ich hab es bald gespürt, dass etwas anderes aus mir heraus kommen sollte.

Der Druckstock mit dem Motiv der Flaschenrückseite. 
Mit welchem Material arbeiten Sie am liebsten?
Mit Holz. Nussbaum, Eiche, Kirsche. Und mit Farben.

Finden Sie, dass es jetzt, nachdem es kaum noch Engpässe in Materialien gibt, leichter ist, Kunst zu machen?
Im Gegenteil! Man wird schnell verführt von einem Überangebot an Materialien. Junge Künstler setzen gern auf Technik, wollen von Leuten geliebt werden, die auch so denken. Es bleibt aber dabei: Das Ergebnis ist entscheidend.

Und Ihre Vorlieben im Reich der Farben? Haben die sich geändert?
Ich bin im Lauf der Zeit zum Grau gekommen. Da ist so viel drin. Zusammen mit wenig Farbe wirkt es viel stärker als die ganz große Farbigkeit. Aber das wusste ich am Anfang meiner Arbeit noch nicht!

Wann haben Sie beschlossen, Kunst zu machen und davon zu leben?
Ich hab früher schon gern gezeichnet. Doch dass das ein Beruf werden könnte, hat sich erst herausgestellt, als ich nach meinem Unfall nach neuen Möglichkeiten suchen musste.

Wo wissen Sie Ihre Arbeiten am besten aufgehoben?
Ich freue mich, wenn Privatleute meine Sachen kaufen, weil es ihnen wichtig ist, sie zu Hause zu haben. Sehr schön ist es natürlich auch, wenn die Bilder in große Sammlungen kommen – da können viele Leute etwas davon haben.

Kunst und Natur sind eigentlich etwas ganz Entgegengesetztes. Wie stehen Sie zur Natur – und zur Kunst?
Darüber kann man seitenweise schreiben, was meist keiner versteht. Ich sage es so: Die Natur ist das ganz Große. Kunst ist das, was der Mensch davon erkennt und sieht. Kunst schlägt eine Nische in das, was man nicht sehen kann. Einer findet es, ein anderer nicht. Auf jeden Fall ist sie nicht mit Intellekt zu fassen.

Was meinen Sie, arbeiten Menschen besser allein oder zusammen?
Beides ist gut. Jeder arbeitet für sich, aber anschauen, was der andere macht, ist gut. Meine Frau und ich machen das so. Es ist aber nicht mehr als eine hilfreiche Beobachtung.
Wenn man älter ist, gibt es die Gefahr, etwas wieder so zu machen, wie schon einmal. Da muss man aufpassen. Beim Arbeiten soll man nicht an etwas denken. Vor allem nicht an die Wirkung auf andere. Ich habe immer in großer Selbstvergessenheit gearbeitet. Später kommt es dann heraus: Entweder ist es gut oder nicht!
Drucken macht viel Spaß im Kollektiv. Ich hatte immer nette Kollegen, da kann man sich gegenseitig kleine Ratschläge geben.

Sie sind seit 1958 in Radebeul. Ist das auch Ihre künstlerische Heimat?
Nö! Ich bin hier und arbeite hier. Aber alles Lokalpatriotische verursacht bei mir das Aufstellen von Stacheln!

Was denken Sie, wenn Sie „Radebeul“ hören?
Radebeul war unsere Zuflucht im Leben, allerdings zufällig. Wir haben hier dieses Grundstück gefunden und es für unsere Zwecke gestaltet. Ein kleines Haus zum Wohnen, eine noch kleinere Werkstatt weiter oben auf dem Berg, in der ich ungestört arbeiten kann. Dieser Platz hat Stille. Und dann ist noch der Blick in die Berge. Wir sehen bei gutem Wetter nicht nur den Wilisch, sondern bis zum Geising. Radebeul ist schön, hat seine Ecken und Kanten. Ich male hier am liebsten die alten Häuser, die Landschaft.

Wie ist es, wenn man seine Arbeit einmal mit einem Gegenstand, hier mit einer Flasche Wein, in Verbindung sieht?
Ach wissen Sie, ich habe bis 1957 studiert, dann stand ich mitten auf dem „freien Markt“. Da konnte man nicht gar so wählerisch sein, musste die gute Arbeit suchen und finden. Ich hab gern und viel auf Messen, in Leipzig, in Brünn, und hab schlicht Gebrauchsgrafik gemacht. Ihr Auftrag lag mir deshalb nicht so fern. So ist aus einem „Sommertag“ und einem Weinglas mit Freude Ihr Etikett geworden.

Was bedeutet Theaterspiel für Sie?
Ich finde es sehr beeindruckend, bin früher sehr gern ins Theater gegangen. Jetzt ist mir der Trubel drumherum manchmal zu viel.

Welchen Rat würden Sie einem (Kultur-)Politiker gern geben?
Oh, das fällt mir schwer. Ich kann nicht verlangen, dass sie kunstempfindlich werden! Es ist schwierig für sie zu merken, wo die Qualitäten liegen. Sie tun auf jeden Fall gut daran, sich nicht einzumischen, erst mal alles machen zu lassen. Und bitte nie mehr den Satz: „Was hat sich der Künstler dabei gedacht?“

Die Fragen stellte Christine Ruby.



Werner Wittig kommt am Samstag, dem 24. September
gegen 17 Uhr auf ein Stündchen an den Stand des Fördervereins. 
Er wird dort die Etiketten der gekauften Flaschen der Weinsonderedition signieren.

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